Auf dem Jakobsweg durchs Burgund

Blick auf Vezelay Foto: A. Rößler

Pilgerpfade führen durch Weinberge und kleine Dörfer des Burgund

Eine zweistündige Zugfahrt von Paris – schon landet man in einer anderen, dünn besiedelten Welt. Zwischen Weinbergen, Flüssen und Wäldern tauchen kleine Dörfer auf. Zum Wandern ist das Burgund, von den Einheimischen Bourgogne genannt, ideal.
Zudem wandelt man auf historischen Pfaden, verläuft doch ein zentraler Abschnitt des Pilgerweges nach Santiago de Compostela hier entlang. Heute heißt die Strecke ganz pragmatisch „Fernwanderweg GR 654“. Wegweiser zeigen die gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund.

Einst sammelten sich die Jakobspilger in dem Wallfahrtsort Vézelay, der zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Man verortete hier das Grab von Maria Magdalena, deren Reliquien noch heute in einem vergitterten Schrein ausgestellt sind. Noch immer zieht Vézelay zahlreiche Pilger an. Die übernachten aber nicht mehr in den Katakomben unter dem Kirchenschiff, sondern in Hotels, wie jenem, das in die ehemalige historische Poststation gezogen ist.
Einst hatte Vézelay zehntausend Einwohner; heute leben hier gerade mal 700 Menschen. Geblieben sind das Gewirr der Gassen und eine trutzig wehrhafte Stadtkulisse mit Mauern, Türmen und Toren.

Wir wandern auf den Spuren der von Norden kommenden Pilger nach Vézelay, das malerisch auf seinem „ewigen Hügel“ liegt. Wir durchqueren Weinberge und lichte Laubwälder, freuen uns über Schmetterlinge und Orchideen. Kleine Dörfer sind zu sehen, wo man überall ein Lokal zum Einkehren findet. Die deftige regionale Küche mit ihren erlesenen Weinen ist ein Grund mehr, sich auf den Weg zu machen.

Blick auf Vézelay Foto: Alain Doire / Bourgogne-Franche-Comté Tourisme“

Die Basilika von Vézelay thront weithin sichtbar auf einem langgestreckten Bergrücken; am Fuße des Morvan, Burgunds waldreichem Mittelgebirge. Nach dem Aufstieg lassen wir das stille Dorf Asquins hinter uns, spazieren durch die Felder, passieren am Hang ein kleines Kloster. Das letzte Stück geht es steil bergauf, vorbei an uralten Gartenmauern und Obstbäumen. Verschnaufen kann man an einer Quelle mit Wasserbecken, wo die Pilger einst ihre Kleider gewaschen haben. Oben auf dem Hochplateau führt eine schmale, steile Gasse durch den langgestreckten Ort zum Eingang der Basilika Sainte-Marie-Madeleine.
Mehr als 900 Jahre hat die dreischiffige Basilika auf dem Buckel, ein Meisterwerk romanischer Baukunst, berühmt wegen der raffinierten Lichtgestaltung im Innern: Von der dämmrigen Vorkirche führt der Weg in den strahlend weißen, lichtdurchfluteten Chorraum; vorbei an reich verzierten Giebeln und Säulen. Ein paar Jahre lang war all das eine Großbaustelle. Doch jetzt geht die Generalsanierung dem Ende zu; nur noch die Westfassade und das Vorschiff sind eingerüstet.

Nach der Kirchenbesichtigung genießen wir draußen auf der Terrasse den Panoramablick auf das Gebirgsmassiv des Morvan. Burgund gehörte zu den ersten Gebieten Galliens, wo sich christliche Gemeinschaften und Klöster bildeten. Im frühen 10. Jahrhundert ließen sich die Benediktiner in Cluny nieder. Sie gründeten die zeitweilig mächtigste Abtei des Abendlandes und unterstützten die burgundischen Herzöge finanziell und militärisch.
Vézelay wurde zum Außenposten des rund 150 Kilometer weiter südlich gelegenen Cluny. Der Pilgerführer „Codex Calixtinus“ deklarierte Vézelay im 12. Jahrhundert zum Ausgangspunkt einer der vier Hauptrouten des Jakobsweges. Vor allem Pilger aus Mitteleuropa und Skandinavien sammelten sich hier.

St. Lazare Avallon Foto: Rößler

Jene Pilger, die von Osten nach Vézelay kamen, machten in Avallon Station, das majestätisch auf einem Granitfelsen thront. Von einer hohen Stadtmauer umgeben, hat sich Avallon sein mittelalterliches Erscheinungsbild bewahrt. Am Hang steht die romanische Stiftskirche St. Lazare.

Pilger aus Norden wiederum kamen durch Auxerre. Wir folgen ihren Spuren auf dem bewaldeten Hochufer des Flusses Yonne. Im Zentrum des Städtchens flaniert „tout le monde“ an der als Park gestalteten Uferpromenade, vorbei an zahlreichen Hausbooten.
Auxerre bietet eine spektakuläre Silhouette: Hinter der friedlich fließenden Yonne ragen drei Hügel mit Kirchbauten auf. Den Pilgern galt dieser Anblick als Symbol für die Dreifaltigkeit.
Es handelt sich um die beiden gotischen Türme der Kathedrale Saint-Étienne und der Peterskirche. Daneben der romanische Kirchturm der Abtei Saint-Germain, deren Krypten am Hang übereinander liegen; hier findet man auch die ältesten, karolingischen Wandmalereien Frankreichs. Die Altstadt von Auxerre umfasst weitere Kirchen, historische Stadtvillen sowie rund 700 Fachwerkhäuser – eingedeckt mit den für Nordburgund typischen rotbraunen Flachziegeln.

Auxerre Foto: Rößler

Wenn abends nach dem Wandern die Füße schmerzen, entspannt man sich am besten bei einem Glas Wein von den Lagen des Burgund, die 2015 zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Die Bandbreite ist groß, da sich auf den kleinen Parzellen Ton und Kalk vielfältig mischen. Als zünftige Pilger entscheiden wir uns natürlich für einen Tropfen aus der Appellation Vézelay.

Antje Rößler

Weitere Infos unter: www.bourgognefranchecomte.com

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusamt Burgund-Franche-Comté