Die charmante Hälfte der Côte d’Azur: Marseille – Cassis – Sanary sur Mer

Bucht zwischen Bandol und Sanary Fotos: Jungwirth

Die Sonne strahlt als wäre es Sommer, und das Meer leuchtet dunkelblau. Nur die Lufttemperatur erinnert einen daran, dass es erst Februar ist und noch nicht wirklich Frühling. Der hält selbst an der Côte d’Azur erst im März Einzug – auch wenn schon jetzt einiges blüht, wie der Ginster oder die gelb leuchtenden Mimosen. In jedem Fall hat ein Besuch der Côte d’Azur auch im Februar seinen Reiz. Denn sonnig ist es hier fast immer, und wenn man ein windgeschütztes Plätzchen findet, lässt es sich draußen sehr gut aushalten. Vormittags und abends sollte man sich allerdings warm anziehen, zumal der frische Wind recht heftig blasen kann.

Ein Besuch so früh im Jahr hat aber auch noch andere Vorteile. Man ist mit den Einheimischen unter sich und findet in jedem Café und Restaurant einen freien Platz – davon kann im Sommer keine Rede sein. An den Wochenenden sind aber auch im Februar die Hafencafés und -Restaurants zwischen Marseille und Toulon sehr gut besucht. Denn dann machen die Marseiller dorthin gern ihren Wochenendausflug. Der vielleicht hübscheste Ort dieses westlichen Abschnitts der Côte d’Azur – des unmondänen, aber charmanteren Teils der berühmten Küste – ist das rund 7000 Einwohner zählende Cassis.

Der Hafen von Cassis

Der Name hat mit dem gleichnamigen Getränk übrigens nichts zu tun. Begrenzt von zwei Naturschutzgebieten – westlich den berühmten Calanques und östlich sensationellen Steilklippengebirgen – liegt Cassis in einer kleinen beschaulichen Bucht, die den Wind abhält und die Sonne einlädt. Und dann sind da natürlich vor allem die sehr hübschen kleinen Häuser rund um die Bucht aus dem 18. Jahrhundert, alle 2-3 geschossig und schmal – und keines gleicht dem anderen. Davor, wie gemalt, unzählige bunte kleine Holzboote, die dem Fischfang dienten und heute nur noch zum Teil dafür verwendet werden. Ihr Hauptzweck ist Dekoration und die Bewahrung der Tradition. Liebevoll werden sie gehegt und gepflegt zum Stolz ihrer Besitzer und zur Freude der Touristen, die daran vorüber schlendern. Und wer vom Schlendern müde ist, der kann sie auch von einem der vielen Cafés aus betrachten. Oder vom Restaurant Poissonnerie aus, wo man ganz hervorragende Fischgerichte genießen kann – wie der Name auch vermuten lässt. Vormittags ein Fischladen, verwandelt sich das Geschäft ab Mittag in ein Restaurant mit wunderbarem Hafenblick.

Blick von der Poissonnerie Laurent auf den Hafen von Cassis Fotos: Jungwirth

Der Besitzer des Restaurants in dritter Generation Eric Giannettini erzählt davon, wie sich Cassis seinen besonderen Charme behalten halt. „Weil hier fast alles in Familienbesitz ist. Auswärtige Investoren haben es schwer hier, etwas zu bekommen, man behält die Grundstücke und Häuser in den Familien und sorgt damit für die Bewahrung des Charakters des Dorfes.“ Wie durch Grundstücksverkäufe die Seelen ganzer Landstriche verloren gehen können, das kann man an vielen Orten dieser Welt beobachten. In Cassis ist man vorsichtiger und das sieht man auch. „Die Familien mit Grundbesitz hier haben kapiert, dass sie einen großen Schatz besitzen“, sagt Giannettini. „Warum also sollten sie verkaufen, was ohnehin unbezahlbar ist“, meint er. Auch Luxushotels, wie man sie an anderen Orten der Côte d’Azur zu Hauf findet, gibt es in Cassis nicht. 2-3 Sterne haben die paar kleinen, aber netten Hotels am Ort zu bieten, mehr nicht. Wer mehr will, soll nach Cannes oder Saint Tropez fahren.

Boote im Hafen von Cassis

Wie zum Beispiel das Cassitel am Ende der Bucht in einem hübschen rotbraunen Haus gelegen. Von hier aus kann man alles gut zu Fuß erkunden – auch die Calanques, jene spektakulären langgezogenen Felsenbuchten, die erst vor ein paar Jahren zum Nationalpark erklärt worden sind. Man erreicht sie entweder per Boot oder zu Fuß. Wenn man dorthin wandert, kann man zwischen Touren zwischen einer und mehreren Stunden wählen, je nach Kondition und Temperatur. Denn im Hochsommer ist eine Tour natürlich extrem schweißtreibend, auch wenn die zahlreichen Buchten zur Abkühlung einladen. Besser ist es, man wandert hier im Februar, März, April oder natürlich auch im Herbst.

Die Calanques bei Cassis

Cassis erreicht man mit dem Auto in etwa einer halben Stunde von Marseille aus oder mit dem Zug in ca. 45 Minuten. Denn in Cassis braucht man eigentlich kein Auto, der Ort ist klein genug, um alles erlaufen zu können – und Parkplätze sind teuer. Der kleine, aber hübsche Markt mit seinen wunderbaren Käse- Wurst- und Gemüseständen ist nur ein paar Meter vom Hafen entfernt. Fisch wird fangfrisch direkt am Hafen verkauft – wie auch die Seeigel, die die Einheimischen besonders gern essen. Hervorragende Restaurants gibt es im ganzen Ort, nicht nur am Hafen. Sehenswert ist auch das kleine historische Museum des Dorfes mit seinen zahlreichen Unterwasserfunden rund um Cassis. Vor allem Amphoren verschiedenster Gestalt und Herkunft gibt es hier, die einen Eindruck vom hochentwickelten Handelssystem in der Antike im Mittelmeerraum vermitteln.

Das Panier Viertel in Marseille

Natürlich kann und sollte man auch Marseille nicht links liegen lassen. Die Küstenmetropole hat sich seit dem Kulturhauptstadtjahr 2013 sehr positiv entwickelt und bietet neben dem spektakulären Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers samt anderer neuer und architektonisch avantgardistischer Gebäude an einem Teil des Hafens vor allem in dem an einem Hang dahinter gelegenen pittoresken Stadtviertel Vieux Panier Gelegenheit zu stimmungsvollen Stadtspaziergängen durch kleine Gassen und über hübsche Plätze – und das weitgehend autofrei.

Und wer mittags die hier erfundene originale Bouillabaise mit Hafenblick genießen möchte, der sollte unbedingt das Lokal Miramar von Marion Fabre aufsuchen. Das Praktische bei der Bouillabaise ist ja, dass man zwei Gänge in einem hat. Zuerst kommt die Fischsuppe, dann kommt der Fisch, der darin gekocht wurde. Bis zu 6 verschiedene Fische gehören in eine richtige Bouillabaise, erklärt Marion Fabre, darunter kleine Felsenfische, die vor allem den Geschmack in die Suppe bringen und die es nur in den Gewässern rund um Marseille gibt. Das Gericht ist mit ca. 60 Euro zwar nicht billig, aber wenn man bedenkt, wieviel Fisch darin ist und dass es zwei Gänge sind, dann ist der Preis doch gerechtfertigt. Eine Bouillabaise für einen sehr viel geringeren Preis, sagt man hier, kann keine richtige Bouillabaise sein.

So muss eine Bouillabaise aussehen – die Fische werden dann noch vom Koch zerlegt

Als Tipp für ein besonderes Abendessen sei Le Couteau in dem spektakulär am Hang gelegenen Hotel Dieu (Intercontinental) erwähnt. Hier bekommt man eine Bouillabaise als Shake im Glas serviert, bei dem die zwei Bestandteile der Bouillabaise übereinander geschichtet werden und von einer Schicht Mascarpone getrennt sind. Man arbeitet sich mit einem langen Löffel langsam nach unten vor und durchmischt dabei die Schichten der Suppe, der Mascarponecreme und des Fischs. Eine durchaus gelungene Variante der Marseiller Spezialität. Auch die übrigen probierten Gerichte der Karte waren ausgezeichnet – ebenso der Service. Eine eindeutige Empfehlung für ein gehobenes Abendessen.

Bouillabaise vertikal im Le Couteau

A propos Essen. Wer Cassis Richtung Osten verlässt, sollte auf dem Weg zu den nächstgelegenen Küstenorten Bandol und Sanary sur Mer in der Hostellerie Bérard in La Cadière-d‘Azur vorbeischauen. Küchenchef und Besitzer Jean-Francois Bérard hat das Lokal von seinem Vater übernommen und zelebriert darin eigene Kreationen von außergewöhnlicher Originalität und Qualität (zumeist Produkte aus dem eigenen Garten). Und auch das dazugehörige Hotel in einem alten verwinkelten Haus in dem märchenhaft auf einem Berg gelegenen Ort ist eine sehr gute Adresse für einen Zwischenstopp.

Hostellerie Bérard in La Cadière-d’Azur

Blick aus dem Fenster der Hostellerie Bérard

Nach Sanary sur Mer – die ehemalige heimliche Hauptstadt der deutschen Literatur

Sanary sur Mer ist den meisten heute kaum noch ein Begriff. Das war in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts anders. Damals war der kleine Fischerort ein literarisches Zentrum in Europa – auch wenn die wenigsten Autoren ganz freiwillig hierhergekommen sind. Zunächst waren es nur ein paar Schriftsteller, die aus Nazi-Deutschland, wo ihre Bücher verbrannt worden sind und sie ihres Lebens nicht mehr sicher sein konnten, hierher geflüchtet sind. Thomas Mann, seine Frau und seine Kinder, Lion Feuchtwanger mit Frau, Franz Werfel mit seiner Frau, Hermann Kesten, Joseph Roth, René Schickele, ja sogar Bertolt Brecht – sie alle und viele mehr hielten sich kurz oder lang hier auf. Als Zwischenstation auf dem Weg in andere Exile oder tatsächlich mit der Hoffnung, das Ende des braunen Spuks hier abwarten zu können. Immer mit der Unsicherheit verbunden, hier nicht auch verfolgt zu werden.

„Nach dem heutigen Stand der Forschung befanden sich zwischen Anfang 1933 und Ende 1942 über 500 Deutsche, Österreicher und andere Flüchtlinge im Departement Var, von denen über 80 Prozent in Sanary, Bando und Le Lavandou konzentriert waren. Der provinzielle und ländliche Charakter sowie die entsprechend niedrigen Lebenshaltungskosten waren nicht zu vernachlässigende Gründe für zahlreiche Flüchtlinge, sich für diese Gegen zu entscheiden. Viele von ihnen befanden sich nämlich, bedingt durch das Exil und das Verkaufsverbot ihrer Malerei und schriftstellerischen Werke im nationalsozialistischen Deutschland und später auch in den besetzten Ländern in ernsten finanziellen Schwierigkeiten.“ Ludwig Marcuse verlieh dem Ort in jenen Jahren den Titel „heimliche Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur“ .

Gedenktafel in Sanary sur Mer

Das kleine Sanary-sur-Mer hat die Geschichte der Exilliteraten hervorragend dokumentiert, zum einen gibt es ein kleines dreisprachiges Büchlein zu dem Thema – aus ihm stammen die Zitate – , zum anderen kann man sich in der Touristeninformation von Sanary am Hafen eine hervorragende, ebenfalls dreisprachige Dokumentation auf einer Screen ansehen. Vor dem Gebäude wurde zudem eine große Gedenktafel mit allen Namen jener Schriftsteller angebracht, die hier Zuflucht gesucht und gefunden haben. Und dann hat man auch noch an den Gebäuden, in denen die Schriftsteller damals lebten, kleine Gedenktafeln angebracht, die mit kurzen Texten an das Schicksal der hier erstmals Lebenden erinnern. Etwa an dem Turm, den Franz Werfel und Alma Mahler bewohnten, bevor sie in die USA emigrierten.

Exil im Paradies

So war der kleine pittoreske Ort, in dessen Hafen wie in Cassis die bunten Holzboote so hübsch schaukeln, für viele Verfolgte in dieser Zeit ein trauriges Paradies. Lion Feuchtwanger, der mit am längsten in Sanary wohnte, hat die Situation damals so beschrieben: „Dazu kommt, dass viele Schriftsteller mehr als andere Exilanten leiden unter den läppischen kleinen Miseren, aus denen der Alltag des Exils sich zusammensetzt. Es ist keine große Sache, in einem Hotel wohnen zu müssen und auf Schritt und Tritt bürokratischen Weisungen unterworfen zu sein. Aber einen weitgespannten Roman in einem Hotelzimmer zu schreiben ist nicht jedem Schriftsteller gegeben, es reißt an den Nerven; es reißt doppelt an den Nerven, wenn der Autor nicht weiß, ob er morgen noch dieses Hotelzimmer wird zahlen können, wenn seine Kinder ihn um Essen bitten, und wenn die Polizei ihm mitteilt, daß binnen drei Tagen seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist. Die Leiden der Verbannung sind nur in seltenen Augenblicken heroisch.“

Tatsächlich wurde Feuchtwanger im Mai 1940 in ein Internierungslager verschleppt, aus dem er glücklicherweise wieder frei kam und schließlich in die USA fliehen konnte.

Hafen von Sanary sur Mer – links das Hotel de la Tour

Wer Fotos von Sanary aus den 30er Jahren betrachtet, wird feststellen, dass sich die Ansicht des Orts vom Hafen aus so gut wie nicht verändert hat. Fast jedes Gebäude der damaligen Zeit steht noch immer an seinem Platz, das Café Lyon, einer der Treffpunkte der Literaten heißt immer noch so. Und auch jenes Hotel, in dem fast alle Literaten abgestiegen sind nach ihrer Ankunft in Sanary: das Hotel de La Tour. Wie eine Bastion thront es am Hafen nah am Wasser. Geführt wird es von der Enkelin des Besitzers, der es zur Zeit der Exilliteraten geleitet hatte. Liebevoll renoviert, hat es den Charme der früheren Zeiten bewahrt ohne das man deshalb einen zeitgemäßen Komfort vermissen muss (allerdings ohne Lift) – auch wenn das Hotel lediglich als 2-Sterne-Haus ausgewiesen ist. Und es verfügt praktischerweise auch noch über eines der besten Restaurants am Ort. Eine Übernachtung mit einem Abendessen hier an diesem wahrlich geschichtsträchtigen Ort (Thomas Mann bewohnte z.B. das Zimmer mit der Nummer 17) ist also unbedingt zu empfehlen.

Blick vom Hotel de la Tour auf den Hafen

Und wenn am Morgen die Sonne ins Zimmer scheint und ihre Strahlen auf dem dunkelblauen Meer glitzern, mag man sich im Bewusstsein der Geschichte des Orts noch ein wenig mehr darüber freuen, in welch sicheren Zeiten man hier sein und unbeschwert die Schönheiten dieser Gegend genießen darf.

Robert Jungwirth

Weitere Empfehlungen und Links:

Weingut Chateau de Fontblanche

Cassis und Bandol sind auch für ihre Weine berühmt. In Cassis kann man z.B. das Weingut Chateau de Fontblanche von Emile Bodin besuchen und eine Weinprobe machen.

In Bondol gibt es die Oenothèque des Vins de Bandol (Place Lucien Artaud), in der man die Weine des Bandol probieren kann. Infos unter: www.vins.cassis-bodin.fr

Spektakulär ist das Weingut La Domaine de La Begude von Familie Tari. Auf einem der größten Grundstücke der gesamten Gegend wird auf 22 Hektar biologischer Wein hergestellt. Guillaume Tari bietet den Besuchern sogar eine Wanderung über das Weingut mit Picknickkorb an. Infos unter: www.DomainedelaBegude.fr

Marseille ist auch für seine Seifenherstellung berühmt. Wer die Geschichte und den Prozess des Seifenherstellung in Marseille kennenlernen möchte, der sollte eine Demonstration in der Grande Savonnerie in der 36 Grand Rue besichtigen.

Hotelempfehlungen:

Marseille:

Neu, komfortabel und zentral: NH Collection Marseille – 4 Sterne. 37 boulevard des Dames

Cassis:

Klein, sauber und zentral am Hafen: Cassitel – 2 Sterne. 3 Place George Clemenceau

La Cadière-d’Azur:

Mit viel Charme und Atmosphäre und herausragender Küche und einem eigenen Spa: Hostellerie Bérard – 4 Sterne. 6 Rue Gabriel Péri

Sanary sur Mer:

Geschichtsträchtig mit familiärem Charme und sehr gutem Restaurant, nah am Meer: Hotel de La Tour – 2 Sterne. 4 Quai Charles de Gaulle

Weitere Informationen gibt es unter:

www.myprocence.fr

www.marseille-tourisme.com

www.ot.cassis.com

www.visitvar.fr