Bern und Umgebung: Kunst, Design und Whisky

Blick auf Bern vom Rosengarten aus

Bern ist eine der beschaulichsten Hauptstädte der Welt – vielleicht sogar die beschaulichste. In der im Zentrum der Altstadt gelegenen Gerechtigkeitsgasse mit ihren seit etwa 300 Jahren unveränderten Fassaden und den vielen schönen alten Brunnen fühlt man sich unmittelbar in eine andere Zeit versetzt – wenn nicht ab und zu Autos oder Busse vorbeifahren würden, wäre die Illusion perfekt.
Zwar ist diese schönste Straße Berns verkehrsberuhigt, aber noch nicht genug. Noch immer holpern zahlreiche Fahrzeuge über das hübsche Kopfsteinpflaster – kontrolliert wird nicht. Und jedes Auto, das durchfährt, stört die Beschaulichkeit durch Lärm und Abgase. Immerhin fahren die städtischen Busse hier zumindest teilweise mit Strom. Gäbe es die Autos nicht, könnte man selbst im Angesicht der riesigen Turmuhr aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, der sogenannten Zytglogge, hier glatt aus der Zeit fallen.

Den Bernern scheint es trotz der guten Sichtbarkeit der Uhr ganz gut zu gelingen, die Zeit zu vergessen. Sie sind gemütliche Menschen. Sich Zeit nehmen, nicht in Hektik zu verfallen, ist für sie eine Lebenseinstellung. „Ja ned gschprängt“, heißt die Devise, was man mit „nur nicht hetzen“ übersetzen kann. Der Berner an sich ist also entschleunigt – und liegt damit gerade voll im Trend. Nur dass die Entschleunigung in Bern schon seit Jahrhunderten praktiziert wird, und die Berner dafür sogar von den restlichen Schweizern mitunter belächelt werden.

Die Zytglogge

 

 Die Zytglogge mit ihrem witzigen Figurenspiel, in dem natürlich ein Bär – das namensgebende Wappentier der Stadt – ein krähender Hahn, ein kopfwackelnder Bürgermeister und ein Narr, der die Glocke schlägt, wann es ihm gerade passt, vorkommen, ist ein so amüsanter Blickfang, dass man darüber glatt vergisst, auf die Zeit zu sehen, die das Zifferblatt anzeigt.

Die Insellage der Stadt hoch über der u-förmigen Schlaufe des Flusses Aare trägt vielleicht auch das ihre zu der etwas weltentrückten Atmosphäre Berns bei. Und vermutlich war es auch kein Zufall, dass ausgerechnet hier im Jahr 1905 in der Kramgasse Nr. 49, nur 200 Meter von der Zytglogge entfernt, Albert Einstein seine Relativitätstheorie erdachte. In dem Haus ist heute ein Museum untergebracht, das zeigt, wie der große Physiker damals gewohnt hat.

Nachdenken über das Wesen der Zeit kann man sehr gut auch in den vielen Cafés und Restaurants an oder unter den sich über 6 Kilometer erstreckenden Arkaden und an den Orten, von denen man auf den Fluss hinunterblicken kann. Es sind oft spektakuläre Ausblicke, die sich da dem Betrachter bieten, etwa von der großen Münsterplattform aus, die gleichzeitig der einzige richtige Park der Altstadt ist und der mit seinen hübschen Bänken unter schattigen Bäumen zum Verweilen einlädt.

Ein Zentrum für Paul Klee

Aber selbst für Berntouristen kann es sich lohnen, das Stadtidyll mal zu verlassen – zumal man es in etwa 2 Stunden zu Fuß bequem abgelaufen hat – um zum Beispiel das Zentrum Paul Klee zu besuchen, das die Stadt 2005 ihrem bedeutendsten Künstler von dem Star-Architekten Renzo Piano errichten hat lassen. Das Museum besitzt die weltweit größte Sammlung von Gemälden und Zeichnungen Klees und veranstaltet regelmäßig Sonderausstellungen, wie derzeit „Klee und Kandinsky“ – die weltweit erste Ausstellung über diese so wichtige und fruchtbare Künstlerfreundschaft, die 1911 in München begonnen hat, sich dann in Weimar und Dessau, wo beide Maler am Bauhaus unterrichteten, intensivierte, bis sie die Emigration auseinandertrieb – Klee in die Schweiz und Kandinsky nach Paris.

Zunächst ist der 13 Jahre ältere Kandinsky ein wichtiger Bezugspunkt und Ideengeber für den jungen Paul Klee – Klees Reiterzeichnungen aus dieser Zeit verweisen deutlich auf die Reiter-Motivik in manchen von Kandinskys Bildern. Später lässt sich auch Kandinsky von Motiven Klees inspirieren. Auch der Bezug zur Musik ist für beide Maler sehr wichtig und äußert sich in ihren Werken auf vielfältige Weise. Schließlich ist es das Experimentieren mit neuen Techniken, wie der Spritztechnik, bei denen man Parallelen feststellen kann.
All dies dokumentiert die Berner Ausstellung anhand zahlreicher ausgewählter Werke von Kandinsky und Klee, ohne den Besucher aber mit Eindrücken und Informationen zu überfrachten. Locker gehängt, können die Bilder in der lichten, schön gewölbten Halle ihre Wirkungen ideal entfalten. Die Ausstellung ist in acht Kapitel unterteilt, die jeweils mit knappen, aber sehr informativen Texten versehen sind.

Zentrum Paul Klee bei Bern

 

Design-Tour durchs Langenthal

Wer sich für angewandte Kunst, sprich Design interessiert, der kann sich bei einer Design-Tour durchs Langenthal, etwa 30 Kilometer von Bern entfernt, inspirieren lassen. Hier sind einige sehr innovative Firmen ansässig und einige von ihnen führen ihre Produkte und Produktionsweisen gern interessierten Besuchern vor. Das Tourismusbüro von Bern bietet zu diesem Zweck seit etwa einem Jahr eine geführte Tour an, die ein Novum in der touristischen Vermarktung der Schweizer Hauptstadt und ihrer Umgebung darstellt. Das Interesse daran bestätigt die Initiatoren.

Die Tour beginnt bei dem Schweizer Möbelbauer Girsberger, der in seinem Angebot und seinen Fertigungsweisen einen gekonnten Spagat zwischen Tradition und Avantgarde vollzieht. Neben zeitgemäßen Designermöbeln, vor allem Stühle und Bürostühle, hat sich die Firma auf die Fertigung hochwertiger Massiholzmöbel spezialisiert. Der Holzfachmann Beat Suter führt die Besucher erst einmal ins klimatisierte Holzlager. Zwischen wunderbar duftenden zersägten Eichen-, Buchen-, Ulmen- und Nussbaumstämmen erklärt er die Charakteristika der jeweiligen Hölzer und die Möglichkeiten ihrer Bearbeitung. Man kommt sich hier vor wie in einem riesigen Humidor, nur eben mit Baumstämmen statt Zigarren. In den hochmodernen Werkstätten werden aus dem Rohholz dann maßgefertigte Ess- oder Konferenztische für Kunden aus der ganzen Welt, aber auch Regale oder Schränke. Zurzeit lagert gerade ein etwa 400 Jahre alter Eichenstamm auf dem Firmengelände, der auf seine Verarbeitung wartet. Für so eine Rarität, die Girsberger nur erwerben konnte, weil der Baum krankt war, böten die Holzbearbeiter ihren ganzen Sachverstand auf, erzählt Beat Suter, um das „Besondere des Holzes, seinen Charakter herauszustellen“. Und sogar den Kunden für dieses außergewöhnliche Stück Holz suche man sich gezielt aus. Jemand, der das Produkt nicht wirklich zu schätzen weiß, sollte es auch nicht erhalten, meint Beat Suter, und es klingt, als würde er das auch wirklich so meinen. So ist das also: Das Produkt sucht sich seinen Kunden und nicht umgekehrt.

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Tischplatte von und bei Girsberger

Die Leidenschaft fürs Holz sprudelt aus Suter nur so heraus, wenn er von Eichen in Frankreich und Ulmen in Slowenien und ihrer jeweiligen Eigenart erzählt. Und es ist eine Freude, ihm dabei zuzuhören. Selbst für vollkommen Fachfremde lohnt sich eine Führung mit ihm – man wird Holz und Holzmöbel danach sehr wahrscheinlich mit anderen Augen betrachten.

Ähnlich ergeht es dem Besucher nach der Besichtigung des Stoffherstellers Création Baumann, der seit 1886 Stoffe für die Raum-Innenausstattung gestaltet und selbst herstellt. Unter welchen Gesichtspunkten werden Stoffe heute kreiert, welche Materialien kommen zum Einsatz, welche Bearbeitungen, welche Techniken der Färbung und Bedruckung? Was sind neueste Entwicklungen und Anforderungen? Fragen wie diese werden bei einem Rundgang besprochen. Und bei einem Blick ins Designerbüro und in die Fertigungshallen erhält man durchaus Anregungen und Ideen auch für die eigenen vier Wände…etwa für Raumtrenner, Vorhänge, selbsthaftende Stoffe und und und…

Vorhänge mit Leuchdioden 2

Auch das kann man bei Création Baumann bekommen: Vorhänge mit Leuchtdioden

Für die eigenen vier Wände allerdings im großen Maßstab ist dann die Firma Hector Egger Holzbau zuständig – wiederum ein Familienbetrieb, dessen Gründung ins Jahr 1909 zurück reicht. Diese Firma baut von der Berghütte bis zum mehrstöckigen Wohnhaus und zur Industriehalle alles, was man aus Holz bauen kann. In zwei gigantischen Hallen entstehen die Teile für die unterschiedlichsten Objekte mithilfe modernster Computersteuerung nach 3D-Plänen. Der Computer berechnet die Reihenfolge der Fertigung so, dass so wenig Holzabfall wie möglich entsteht. Die ca. 1 Million Euro teure gigantische Maschine, die so groß ist wie ein Sattelschlepper, sägt, hämmert, nietet, fugt und fräst alles in jeder beliebigen Größe genau nach Plan, bis am Ende ein fertiges Gebäude in Einzelteilen daliegt. Dabei produziert man hier keine Fertighäuser von der Stange, sondern nur Einzelanfertigungen. Das kann mal ein Bürohaus, mal eine Sporthalle oder eine Fußgängerbrücke sein.

Natürlich wird kaum ein Besucher der Langenthal-Design-Tour hier gleich ein Haus in Auftrag geben. Aber Reiz und Sinn der Tour bestehen auch nicht im Einkaufen, sondern im Kennenlernen interessanter Betriebe und Produkte – und natürlich der Menschen, die dahinter stecken. Und man bekommt Einblicke in Bereiche und Produktionsweisen, die man sonst kaum je zu Gesicht bekommen würde. Das Angenehme dabei ist, dass diese Familienbetriebe hier eben nicht publikumsscheu sind, wie das bei den ganz großen Firmen der Fall ist. Im Gegenteil, man wünscht und freut sich über den Kontakt mit interessierten Besuchern und ist offen für Fragen.

Das gilt ganz besonders auch für Hans Baumberger, den Exoten unter den „Designern“. Der gelernte Braumeister war vor einigen Jahren des Bierbrauens müde und verlagerte sich aufs Whisky-Brennen. Mit dem Vorwissen des Brauers – schon sein Urgroßvater hatte diesen Beruf – war das keine große Schwierigkeit, erzählt Baumberger – mal abgesehen von der finanziellen Vorleistung, die man natürlich für ein Produkt erbringen müsse, das man erst ca. 3-5 Jahre nach der Herstellung verkaufen kann.

Whisky Brennerei 2

Hans Baumberger vor seinem Langatun Whisky-Sortiment

Baumberger kam auf die schöne Idee, die Whisky-Fässer im Voraus zu verkaufen, nicht nur zum Eigengebrauch, sondern auch als Wertanlage. So konnte er das nötige Geld für die Produktion einsammeln.
Und mittlerweile gibt es im Langenthal sogar einen von dem englischen „Whisky-Papst“ Jim Murray mit hoher Punktzahl ausgezeichneten Single-Malt-Whisky mit dem fast schon irisch anmutenden Namen Langatun Old Bear –  Langatun ist eine frühe Form des Namens Langenthal. Von Baumberger erfährt man bei einem Besuch seiner Destillerie in einem historischen Kornhaus aus dem frühen 17. Jahrhundert alles Wissenswerte über das hochprozentige Getränk – und das Schöne ist, dass man Baumberger im Gegensatz zu manch irischem oder gar schottischem Whisky-Experten tadellos versteht…

Autor: Robert Jungwirth

Informationen und Empfehlungen:

Bern erreicht man entweder mit dem Flugzeug oder mit der Bahn – ca. 1 Stunde von Zürich.

Hotelempfehlung: Hotel Belle Epoque (****) sehr zentral gelegenes, neu renoviertes familiäres Hotel mit Jugendstilambiente. DZ 200-266 Euro. www.belle-epoque.ch

Restaurantempfehlung: Kornhaus Keller. Schweizerische Küche in mittlerer Preislage in einem wunderbaren alten bemalten Kellergewölbe. www.bindella.ch/de/kornhauskeller.html

Restaurant- und Hotelempfehlung Langenthal: Restaurant Bären. Hervorragende gehobene Küche in schönem historischen Ambiente. Das dazugehörige Hotel bietet u.a. schicke Design-Zimmer. www.baeren-langenthal.ch

Sehr geschmackvolle Zimmer mit individueller Note und hochwertiger Ausstattungbietet bietet das Hotel L’Auberge in einer liebevoll renovierten alten Villa. Dazu gehört auch ein hervorragendes Restaurant. www.Auberge-Langenthal.ch

Informationen über Bern: www.bern.com

Die Ausstellung „Klee und Kandinsky“ im Zentrum Paul Klee bei Bern ist bis zum 27. September zu sehen. Ab dem 21. Oktober wird sie im Münchner Lenbachhaus gezeigt. www.zpk.org

Design-Tour Langenthal: www.bern.com/de/region/oberaargau/highlights-oberaargau/design-tour-langenthal

Führungen durch die Destillerie Langatun gibt es übrigens auch für Einzelpersonen, jeden Samstag (außer Feiertage) pünktlich um 10 Uhr. Die Dauer beträgt 90 Minuten und kostet einschließlich Degustation CHF 20.

Auch Whisky-Seminare und Whisky-Brenn-Seminare bietet Hans Baumberger an. www.langatun.ch

 Online-Reisejournal 2015