Kunst und Meer

Den Haag verbindet städtisches Flair mit Strandnähe – ideal auch für einen Winterurlaub

Jan Vermeer: Mädchen mit dem Perlenohrring Foto: Mauritshuis

Jan Vermeer: Mädchen mit dem Perlenohrring Foto: Mauritshuis

Dieser Blick hypnotisiert. Er lässt den Betrachter nicht aus den Augen, egal wohin dieser sich im Raum bewegt. Und ebenso wenig vermag der Betrachter den Blick abzuwenden. Die leuchtenden großen Augen, die geheimnisvolle Anmut des vom Kerzenlicht angestrahlten Gesichts, der rote, leicht geöffnete Mund. Was möchte er uns sagen, dieser Mund? Dazu der Schimmer auf den Lippen und der Lichtreflex auf dem Perlenohrring, der dem Bild seinen Titel gab: Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Dieses Bild von Jan Vermeer ist eines der faszinierendsten Frauenbildnisse, das je gemalt wurde. Und wer unmittelbar vor ihm steht, der wird geradezu überwältigt von ihm.

Nicht in Amsterdam, sondern in Den Haag hängt dieses weltberühmte Bild, im vielleicht schönsten Museum mit alter holländischer Kunst, dem Mauritshuis. Ein Stadtpalast, den sich der deutsche Adlige Johan Maurits von Nassau-Siegen 1644 errichten hat lassen. Später hat man ihn zur Bildergalerie umgewandelt. Zentral gelegen, unmittelbar an das alte Parlamentsgebäude aus dem 13. Jahrhundert angrenzend, ist er eine der Hauptsehenswürdigkeiten Den Haags. Allein dieses berühmte Bild von Vermeers ist den Besuch des Museums, ja den Besuch Den Haags wert. Dabei beherbergt das Mauritshuis unzählige andere Bilder großer Meister, wie Rembrandt, Breughel, Holbein oder Hals.

Vor kurzer Zeit hat man nach dem Vorbild des Louvre unter dem Mauritshuis einen aufwendigen unterirdischen Eingangsbereich gebaut, von dem aus die Besucher ins Innere des Palais‘ gelangen. Ein inszenierter Aufgang zu den Meisterwerken der holländischen und flämischen Malerei des Goldenen Zeitalters – und erst ganz oben, zum Schluss des Rundgangs, steht man plötzlich vor dem „Mädchen mit dem Perlenohrring“ – und kann sich nicht mehr wegbewegen…

Natürlich ist dieses weltberühmte Gemälde, nach dem sogar ein Hollywood-Film gedreht wurde, die Attraktion in Sachen Kunst in der holländischen Hauptstadt. Dabei ist Den Haag nicht nur wegen dieses Bildes eine Kunststadt. Neben dem Mauritshuis mit seinen hochkarätigen Beständen sollte man das Gemeentemuseum für moderne Kunst nicht verpassen. Der weitläufige 20er-Jahre Bau mit seiner farbigen Art-Deco-Architektur beherbergt die weltweit größte Sammlung von Bildern Piet Mondrians, die zusammen mit Arbeiten seiner holländischen Zeitgenossen einen faszinierenden Einblick in niederländische Moderne bilden. Gegenwärtig gibt es im Gemeentemuseum auch eine riesige Rothko-Ausstellung, von den surrealen Anfängen bis zur Sakralkunst der 60er und 70er Jahre. Zu sehen noch bis zum 1. März 2015.

Gemeentemuseum2

Gemeentemuseum

Und dann sind da noch jede Menge kleiner Galerien mit aktueller Kunst in der historischen Altstadt von Den Haag. Überhaupt die Altstadt. In den herrlichen Klinkerbauten, die eher an England erinnern als an die Grachtenhäuser Amsterdams, findet man eine große Vielfalt an kreativen Läden, Boutiquen mit junger Designermode, originellen Cafés und hervorragenden Restaurants, gemütlichen Pubs und.. und.. und.

Altstadt von Den Haag

Altstadt von Den Haag

Der Vorteil eines Stadtspaziergangs in Den Haag ist, dass die 500.000 Einwohner-Stadt nicht so groß ist. Alles lässt sich zu Fuß ohne Probleme bewältigen. Und wenn man genug vom Stadtbummel hat und sich am berühmtesten Fischstand der Stadt unmittelbar vor dem Parlament gestärkt hat – zum Beispiel mit sensationell zartem Matjes – fährt man ans Meer und lässt sich vom frischen Seewind den Kopf von den vielen Eindrücken wieder freipusten.

Keine Viertelstunde braucht die Straßenbahn vom Parlament bis zum Strand von Scheveningen. In den Wintermonaten geht es hier ruhig und entspannt zu, und man kann wunderbare lange Strandspaziergänge bis in die Dünenlandschaft hinein unternehmen oder mit dem Rad an der Küste entlangfahren. Statt Schnee und Eis knirschen unter den Sohlen der Spaziergänger unzählige kleine Muscheln…Der Strand hier ist extrem breit und so flach, dass man in Meeresnähe auch gut darauf joggen oder Radfahren kann. Die Den Haager kommen gern zum Sonntagsausflug hierher, gehen spazieren oder lassen Drachen steigen.

Der Strand von Scheveningen

Der Strand von Scheveningen

Die vielen Lokale und der Bungee-Jumping-Turm um das imposante Kurhaus aus dem späten 19. Jahrhundert herum lassen erahnen, welch ein Trubel hier im Sommer herrschen muss. Aber so genau wollen wir uns das eigentlich gar nicht vorstellen. Wir fragen uns lieber, was in dem nun geschlossenen Bibelkiosk im Sommer abgeht? Bietet man hier Bibelstunden in Badehose und Bikini an? Die 70er Jahre-Appartementhäuser, die das wunderbare Jahrhundertwende-Kurhaus umstellen, ja umzingeln, schauen wir uns auch nicht so genau an. Hier haben sich Größenwahn und schlechte Architektur gegenseitig befruchtet – mit üblen Folgen.

Während man im Zentrum von Den Haag gerade dabei ist, ein paar unansehnliche 70er Jahre Bürotürme wieder aus dem Stadtbild zu entfernen und durch ansprechende Architektur zu ersetzen, ist man in Scheveningen noch nicht so weit. Schade, denn das traditionsreiche Seebad könnte gut auf einige dieser Plattenbausünden verzichten.

Kurhaus mit angrenzenden Gebäuden

Kurhaus mit angrenzenden Gebäuden

Der Vorteil der vielen Appartementhäuser allerdings ist, dass hier auch im Winter Leute wohnen und deshalb viele Restaurants und Lokale geöffnet haben, man also keine Angst zu haben braucht, kein Mittag- oder Abendessen zu bekommen. Auch die meisten Hotels in Scheveningen haben das ganze Jahr über geöffnet. Der Wintertourismus ist zwar unbedeutend im Vergleich zu den Gästezahlen im Sommer, aber man hofft, dieses Geschäftsfeld noch ausbauen zu können.

Sommerhäuser, später

Sommerhäuser, später

Während in unmittelbarer Küstennähe die Bauwut der vergangenen Jahrzehnte nur mehr wenige der schönen alten Häuser aus der Glanzzeit des Seebads übrig gelassen hat, kann man in zweiter bzw. dritter Reihe noch viele wunderbare Sommerhäuser mit Fachwerk, Türmchen und Veranden finden. Wer vom Gemeentemuseum Richtung Meer spaziert, läuft an ihnen vorbei. Dieses Stadtviertel, das an den Hafen von Scheveningen grenzt, hat einen ganz eigenen Reiz. Auch ein großer Park mit alten Bäumen und Radwegen schließt sich daran an. Es lohnt sich also, sich auf einen Drahtesel zu schwingen und die Gegend auf diese Weise zu erkunden – zumal Den Haag nicht weniger als Amsterdam eine Fahrradstadt ist. Vor dem Bahnhof gibt es zum Beispiel einen Fahrradparkplatz mit einer Konstruktion, die die Räder übereinander stapelt wie in einer Duplexgarage…

Laange Vorhout

Laange Vorhout

Abends kann man dann wieder chic essen gehen in der Altstadt von Den Haag…zum Beispiel indonesisch. Das hat hier eine große Tradition – schließlich war der Inselstaat über mehrere hundert Jahre niederländische Kolonie. Und man kann an den erleuchteten vielen Stadtpalais aus dem 17. und 18. Jahrhundert vorbeischlendern, in denen heute die Botschaften vieler Länder residieren. Die Prachtstraße heißt „Lange Voorhout“ – was für deutsche Ohren reichlich erheiternd wirkt, denn man spricht es „Lange Vorhaut“ aus. Diese Straße ist zweireihig mit Linden bepflanzt und war das Vorbild für Berlins Unter den Linden.

Von Robert Jungwirth

Informationen unter: www.denhaag.com

www.holland.com

Empfehlenswertes Hotel in Scheveningen: Hotel Andante: hotelandante.nl

Online-Reisejournal 2014