Das Gespenst von Ballygally

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Garten von Beaulieu House

Eine Gartenreise durch den Norden Irlands

Der Wetterbericht für heute ist nicht wirklich schlecht. Es soll auch trockene Abschnitte zwischen dem Regen geben. Es besteht also Hoffnung, den Gartenspaziergang in Beaulieu House ohne Regenschirm machen zu können. Und tatsächlich, als wir die Auffahrt zum Herrenhaus von Beaulieu erreichen, reißt der Himmel auf, und die Sonne bricht zwischen den Wolken hervor. Sogleich erstrahlt die Natur in leuchtendem Grün. Das ist das Positive am oft durchwachsenen Wetter in Irland: Es ändert sich meist schnell.

Sonnig ist auch die Begrüßung von Mrs. Konig und ihren beiden (kleinen) Hunden. Mrs. Konig führt ihre Besucher gern selbst durch Haus und Garten. Sie selbst entstammt der Familie, die das schloßähnliche Anwesen 1660 erbaute. Wir betreten die imposante Eingangshalle, das Prunkstück des Gebäudes. Hier wurden über Jahrhunderte hinweg Gäste empfangen, hier sollten sie erst einmal die zahlreichen Gemälde und Schnitzereien bewundern – und natürlich das über allem thronende riesige Geweih eines irischen Elchs. Eine Rarität, denn das Tier ist längst ausgestorben. Wer im Irland des 17. und 18. Jahrhunderts etwas auf sich hielt, der musste ein solches Geweih haben.

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Geweih eines irischen Elchs

Die Herrschaften auf den Bildern an den Wänden der Halle sind allesamt Vorfahren der Besitzerin. Mal freundlich, mal respektgebietend blicken sie uns von oben herab an. Vor der Gartentour gibt es erstmal eine kleine Führung durchs Haus. Durch die hohen Fenster des neben der Eingangshalle gelegenen Salons schweift der Blick über die weiten Wiesen des Parks und macht Lust auf einen Spaziergang im Freien. Im ersten Stock hat Mrs. Konig in diesem Jahr zwei großzügige Räume für Bed-and-Breakfast-Gäste herrichten lassen. Bislang konnte man das bei Drogheda, etwa 40 Kilometer nördlich von Dublin gelegene Beaulieu House nur besichtigen, jetzt kann man darin auch wohnen. Von den beiden Zimmern hat man ebenfalls einen fantastischen Blick auf den Park.

Garten von Beaulieu House

Dann also schlendern wir durch den Park in den weitläufigen Garten, der wie fast immer in England und Irland von einer pittoresken alten Steinmauer umgeben ist, zum Schutz vor Wind und Wetter und weil es einfach schön aussieht. Fast entschuldigend erzählt Mrs. Konig, dass der Blumengarten früher größer gewesen sei, aber einfach nicht mehr zu bearbeiten war. Schon im Mai steht der Garten in voller Blütenpracht. Es gibt Etagenprimeln, Camassia, das Salomonsiegel oder die blaue Cerinthe. Alles ist geschmackvoll angelegt, durchaus mit System, aber nicht mit pedantischer Ordnung. Natürlich kann man den Garten auch ohne Übernachtung besichtigen. Das Eintrittsgeld dient dem Erhalt von Garten und Haus. Erst im vergangenen Winter hat ein Sturm einen Baum auf die Dachrinne des Schlosses krachen lassen – immerhin nur die Dachrinne.

Unweit von Beaulieu liegt die klassizistische Villa Killineer House mit ihrem hübschen Säulen-Portikus, die sich ein Zigarettenfabrikant um 1840 gebaut hat. Das weiße Gebäude hebt sich vom satten Grün des umliegenden Parks aufs Schönste ab. Es ist ein englischer Landschaftsgarten par excellence mit herrlichen alten Bäumen, Teich und Bach.
Charles Carroll und seine Frau Eithne kümmern sich mit viel Herzblut um Haus und Garten, auch wenn der Hausherr beim gemeinsamen Spaziergang die Schwierigkeiten einer solchen Aufgabe nicht unerwähnt lässt. Dem Wildwuchs in dem weitläufigen Park sei fast nicht beizukommen, erzählt Carroll und immer müsse man Ausschau halten nach umsturzgefährdeten Bäumen. Wir denken sogleich an Mrs. Konigs Dachrinne und nicken verständnisvoll.

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Killineer House

Und dann ist da auch noch der nicht gerade kleine Blumen- und Nutzgarten. In letzterem haben die Artischocken schon beinahe Erntegröße erreicht – und das im Mai und in Irland! Auch wenn es in Deutschland im Frühjahr wärmer ist, das Pflanzenwachstum ist auf der Insel weiter als in unseren Breiten, was natürlich an den milden Wintern liegt, in denen es kaum friert, so dass auch Palmen kein seltener Anblick in Irland sind. Die meisten Landschaftsgärten in Irland befinden sich im östlichen Teil des Insel, da hier die Stürme weniger heftig sind als an der Wetterseite an der Westküste und auch nicht so viel Regen fällt – aber immer noch genug, um für üppiges Pflanzenwachstum zu sorgen.

Von Killineer House kann man dem Boyne Valley Garden Trail folgen, der auf einer Strecke von 185 Kilometern elf historische Gärten und Baudenkmäler wie die frühchristlichen Kells High Crosses oder die Ruinen der Old Melleifont Abbey aneinanderreiht.

Wir fahren jedoch weiter Richtung Norden und passieren nach kurzem die Grenze zu Nordirland. Unweit von Antrim liegt Benvarden Garden, ein großzügiger Landschaftsgarten um ein stattliches Anwesen herum. Ein Vorfahr des jetzigen Besitzers Hugh Montgommery hat Haus und Garten im 17. Jahrhundert erworben und umbauen lassen, davor war es die Jagdresidenz eines Provinzgrafen gewesen. Dieser Vorfahr des jetzigen Besitzers legte den Garten so an, wie er sich noch heute dem Besucher präsentiert mit einem stattlichen Park und einem nicht minder stolzen Blumen und Gemüsegarten.

Auch hier sind Zier- und Nutzgarten selbstverständlich von einer schönen alten Steinmauer umschlossen. In deren Schutz gedeihen die vielfältigsten Blumen, Gemüse und Obstsorten. Alles ist sehr gepflegt und geschmackvoll angeordnet. Man merkt die lange Tradition und Erfahrung mit einem solchen Garten, die die Montgommerys von Generation zu Generation weitergetragen haben. Auch die Orangerie mit eigenem Heizungssystem ist durchaus sehenswert. Damit es die Orangen und Aprikosen im Winter schön warm haben, hat man mit einem Kohleofen erwärmtes Wasser durch ein Leitungssystem befördert. Das nötige Kleingeld für all dies hat sich der damalige Hausherr mit der Gründung der Bank of Northern Ireland erworben.

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Mrs. und Mr. Montgommery in ihrem Garten namens Benvarden Garden

Auch wenn die Gärten in Irland meist in sicherer Entfernung zur Küste liegen, sollte man bei einem Besuch die Causeway Coastal Route auf keinen Fall versäumen. Die Küstenstraße verbindet auf einer Strecke von 193 Kilometer Belfast mit Lough Foyle am Atlantik und bietet spektakuläre Landschaften und Ausblicke. Etwa bei der Ruine von Dunluce Castle, die auf einem Felsen an der Steilküste bei Portrush thront und unter anderem dafür berühmt ist, dass die Küche der ehemaligen Burg, die sich in einem Erker über dem Meer  befand, bei einem schlimmen Unwetter weggerissen wurde. Und das – so geht die Sage – während das Abendessen für eine Gesellschaft vorbereitet wurde. Das Dinner fiel also buchstäblich ins Wasser.

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Dunluce Castle

Einen Küstengarten bietet Glenarm Castle bei Ballymena – wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass das Castle eindrucksvoller ist als der Garten, denn dieser wurde erst vor kurzer Zeit nach historischem Vorbild rekonstruiert, braucht also noch ein wenig, bis er seine volle Pracht entfaltet. Glenarm Castle wirkt mit seinen romantischen Türmchen ziemlich märchenschlosshaft. Der ursprüngliche Besitzer hat es seinerzeit, weil ihm ein anderer Standort geeigneter erschien, Stein um Stein abtragen und an dem heutigen Ort wieder aufbauen lassen. Der solche Geschichten kennt, heißt Adrian Morrow und ist Manager von Glenarm Castle and Garden. Einen Rundgang mit ihm sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen, wenn man in der Gegend ist, denn die Geschichten, die Morrow erzählt, werden umso kurioser je länger die Führung dauert – bis man am Ende vor Lachen unter dem imaginären Tisch liegt.

Geschichtenerzählern ist eine Lieblingsbeschäftigung vieler Iren. Nicht umsonst hat das kleine Land vier Literaturnobelpreisträger hervorgebracht. Einmal im Jahr veranstaltet Morrow auf dem Gelände einen „Schafverkleidungswettbewerb“. Dabei werden Schafe mit Röcken, Schals, Hüten, Perücken usw. ausstaffiert und müssen dann über einen Laufsteg gehen. Die originellste „Verkleidung“ erhält einen Preis.

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Glenarm Castle

Nach dem Besuch von Glenarm Castle übernachten wir in Ballygally Castle, einem zum Hotel umgebauten Schlösschen direkt am Meer, das sogar über ein hoteleigenes Gespenst verfügt. Aus Respekt dem freundlichen Gespenst gegenüber, und weil man möchte, dass es so freundlich bleibt, hat man ihm das Turmzimmer reserviert – mit eigenem Bett, wenn es vom Spuken müde ist.

Am nächsten Morgen fahren wir weiter an die Küste bei Bushmills am nordöstlichen Ende der Insel. Von hier stammt der berühmte gleichnamige Whiskey, der zu den besten Irlands und damit der Welt zählt. Auf einem herrlichen Küstenwanderweg gelangen wir zu den pittoresken Basaltfelsen, für die die Gegend – nach dem Whiskey – vor allem berühmt ist: rund 40.000 fünf-  bis sechseckige Felsenquader, die das Meer in einer besonderen Laune zu ihrer eigenartigen Form geschliffen hat. Gleich um die Ecke empfängt das Causeway Hotel den müden Wanderer mit plüschigem Charme und hervorragender Küche. Wer mehr über die Entstehung der Basaltfelsen erfahren möchte, kann das etwas zu groß geratene, direkt neben dem Hotel gelegene nagelneue Museum besuchen.

Im Vergleich zur Republik Irland kann Nordirland noch nicht auf die gleichen Gästezahlen blicken, obgleich es auch hier genügend touristische Attraktionen gibt. Lange aber war man mit sich selbst und weniger mit dem Tourismus beschäftigt. Doch nach den langen Jahren der Gewalttätigkeit wurde die Friedenssehnsucht in der Bevölkerung immer größer. 2005 erklärte die IRA den bewaffneten Kampf für beendet. Heute kann man auf eine mittlerweile mehr als 15 Jahre andauernde Friedensperiode zurückblicken.

Neben erholsamer Natur und bezaubernden Gärten und Gärtnern ist Irland auch ein Eldorado für Golfer. Hier gibt es ein Drittel der weltweiten Küstengolfplätze. Gespielt wird Golf in Irland indes nicht nur von Vermögenden, es ist vielmehr Breitensport für jedermann, mit Plätzen für jeden Geldbeutel. Einer der schönsten ist der bei Newcastle am Meer gelegene mit angeschlossenem Golfhotel. Das Slieve Donard Hotel ist ein Jahrhundertwende-Palast mit sensationeller Seafront. Durch seine enorme Breite und besondere „Faltung“ bietet es zahlreiche Zimmer mit Erker zum Meer. Die Eingangshalle und der holzvertäfelte Speisesaal haben den Charme der Entstehungszeit bewahrt. Zu den illustren Gästen des Slieve Donard Hotels gehörten in den 20er Jahren zum Beispiel Charlie Chaplin. Eine Gedenktafel erinnert daran. Und wir gedenken seiner, während wir beim Frühstück im Speisesaal sitzen und aufs Meer blicken. Die Sonne scheint und lässt die Wellen glitzern. Mal sehen, ob es nur ein „trockener Abschnitt“ vor dem nächsten Regen ist, oder ob die Sonne sich zu einem längeren Gastspiel hinreißen lässt.

Von Robert Jungwirth

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Slieve Donard Hotel

Informationen:

Irland Information: Tourism Ireland in Frankfurt 069/66800950 www.ireland.com

Flüge: Aer Lingus – Direktflüge von Berlin, Hamburg, Hannover, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart und München nach Dublin sowie von München auch nach Cork.

Beaulieu House & Garden: www.beaulieu.ie

Killineer House & Garden: www.killineerhouse.ie

Boyne Valley Garden Trail: www.boynevalleygardentrail.com

Causeway Coastal Route:www.causewaycoastalroute.com

Causeway Hotel: www.thecausewayhotel.com

Benvarden Garden: www.benvarden.com

Glenarm Castle & Garden: www.glenarmcastle.com

Slieve Donard Resort: www.hastingshotels.com/slieve-donard-resort-and-spa 

Online-Reisejournal 2014